Das Goldene Herz I (A2)

Veröffentlicht am 27. April 2026 um 13:06

Kapitel 1 – Das Tor

Vier Teenager stehen vor einem Gartenzaun, halb überwachsen, halb vergessen.

Seit Tagen kommen sie hierher nach der Schule, flüstern Wetten, wer hineingeht.

Hinter dem rostigen Tor glitzert manchmal etwas im Gras – als würde die Sonne selbst dort wohnen.

Heute, sagt Lea, heute gehen wir rein. Niemand widerspricht.

 

Kapitel 2 – Der Fund

Das Gras reicht ihnen bis zur Hüfte. Der Garten ist still, zu still.

Unter einem alten Apfelbaum liegt eine kleine Holzkiste, mit Gold besetzt, schimmernd wie frisch gegossen.

Sie lachen, reißen sie auf. Münzen, Ringe, Splitter.

„Wir sind reich!“, ruft Jonas.

Dann bewegt sich etwas im Schatten der Hecke – klein, geduckt, flüsternd.

 

Kapitel 3 – Der Kobold

„Gebt mir mein Gold zurück“, sagt eine Stimme, kratzig und nah.

Ein Mann steht da, zu klein, um ein Mann zu sein. Haut wie Metall, Augen wie Asche.

„Es heilt mich. Mein Herz ist krank.“

„Unsinn“, sagt Lea. „Das ist unser Fund.“

Das Gesicht des Kobolds zuckt. Für einen Moment glüht sein Brustkorb – als würde etwas darin schmelzen.

 

Kapitel 4 – Die Schatten

Ein Wind weht auf. Die Sonne flieht hinter Wolken.

Die Schatten der Teenager zittern, dann dehnen sie sich, werden länger, lösen sich vom Boden.

Schreie – kurz, dumpf, erstickt.

Der Kobold öffnet den Mund, und Dunkelheit fließt hinein.

Als der Wind sich legt, steht niemand mehr im Garten. Nur das Rascheln der Blätter bleibt.

 

Kapitel 5 – Das Lachen

Am nächsten Morgen findet ein Spaziergänger eine offene Kiste auf dem Weg.

Drinnen – graue Asche, ein paar goldene Splitter, und vier Schatten, die sich weigern, im Sonnenlicht zu liegen.

Hinter dem Zaun lacht jemand leise.

„Niemand geht an mein Gold“, flüstert der Kobold.

„Mein Herz ist mir heilig. Mein Herz ist Gold.“

ENDE!